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Luiz PäetowDER HAUSIERER

Archäologie des Krimis in unseren Köpfen

Luiz Päetow )*(

 

 

Theater ist die WikiLeaks der Menschheit

Zusammen bringen wir alle Denken ans Licht

 

-PÄETOW-

 

Die Bühne ist nicht ein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern seine zutreffende Quelle. Die Bücher sind nicht ein Siegel unserer Geschichte, sondern die Schlüssel zum Unsichtbaren. Mit dem Hausierer erschließen wir das theatralische Rätsel par excellence.

Der berühmte und kontroverse Kriminalroman erzählt keine Fabel. Eher hilft er dem Leser seine eigene Geschichte wiederzufinden. Folglich muß die Regiearbeit bei dieser szenischen Umsetzung alle Codes und Kanäle untersuchen. Bevor die Zuschauer in dem riesigen, jetzt vollständigen dunklen, Theaterraum eintreffen, bekommen sie eine kleine Lampe. In dieser "Höhle", entdecken sie, daß das Stück längst begonnen hat, wie ein Jüngstes Gericht, wie ein beständiges Buch, das immer voll im Gang ist. Oder wie es der große Schriftsteller Tschingis Aitmatow gesagt hat: Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich! "Oberinspektor Derrick, Sherlock Holmes, Kommissar Maigret, Miss Marple, Inspektor Poirot", das Publikum verkörpert ein Kollektiv/Detektiv, zuständig in erster Linie für das einzigartige nachforschende Beleuchtung der Aufführung. Von der Dunkelheit verschluckt, jeder Zuschauer/Zuhörer hat die magische Möglichkeit, der Text zu eigenen Realität zusammenzusetzen, in Verbindung auch mit der eigenen Traumrealität. Deswegen arbeiten die Performer wie Archäologen: die Darsteller erforschen den Zusammenhang zwischen Sprache und Körper, während die Komponisten/Musiker die Zeit der Schrift enträtseln, indem sie die Sätze Handkes so wörtlich wie möglich als Spielanweisungen lesen. Das Licht-bewaffnete Publikum wird nonstop bombardiert mit Sätzen, Klängen und Bewusstseinströmen: gleichsam wie eine Gehirnwäsche unserer mentalen Archive. Und plötzlich ist der Ton wie "weggesaugt": unser eigenes Gehirn ist der bedeutendste Tatort. Genau. Das ist es. Nur Klang, Licht und Stimme. Sie besetzen die mikroskopische Anatomie/Antinomie dieses ewigen Theaters. Ein Krimi-Theaterstück, das die Gedanken körperlich erfahrbar macht und in allen Elementen beängstigend wird. Jeder Satz erfindet eine neue Welt. Der Hausierer/Zuschauer beobachtet alles, registriert die kleinsten Ereignisse. Er ist der Zeuge, der überall dabei ist. Er ist gleichzeitig das Opfer und der Mörder.

Mitwirkende

Luiz Päetow Konzept + Regie, Licht, Dramaturgie _ Christoph Ogiermann Konzept + Komposition Musik, musikalische Leitung, Musiker _ Tim Schomacker Assistenz musikalische Leitung, Organisation, Musiker _ Erik Drescher Musiker (Flöte), künstlerische Leitung, Organisation _ Anete Colacioppo Schauspiel, Organisation _ Jakob Diehl + August Diehl Schauspiel _ Johannes Wolf Schauspiel _ Sebastian Berweck Musiker (Klavier) _ Martin Lorenz Musiker (Schlagzeug) _ Daniel Plewe Musiker (Klangregie) _ Mareike Holtz Management, Organisation

Projektbeschreibung

Mit HAUSIEREN wird der 1967 erschienene Roman Der Hausierer von Peter Handke zum ersten Mal für die Bühne bearbeitet. HAUSIEREN entwickelt sich dramatisch-musikalisch nah an der Struktur und der Diktion des Romans entlang. Der Text zeichnet sich durch eine analytische Distanz zum Genreroman aus. Der Hausierer ist weniger die „Mutter aller Kriminalromane“ als deren trotziger Urgroßenkel. Als solcher begibt er sich auf eine eigene Spurensuche. Ziel seiner detektivischen Bemühungen ist weniger das dramatische Wer-war’s? als ein Versuch über Ordnung und Unordnung, über Fremdes und Eigenes, über die Sinngebungsmaschine menschlichen Erlebens. Erst als „der Mord“ geschieht, wird Handlungen und Gegenständen ein Platz in einer Ordnung überhaupt zugewiesen. Dieser Blick auf die Produktion von „Sinn“ bildet den Ausgangspunkt des musikalisch-dramatischen Spektakels HAUSIEREN.

Bevor die Zuschauer den vollständigen dunklen Theaterraum betreten, erhalten sie eine kleine Lampe. Wie eine Stadt, die man als Fremder betritt, – und das gehört zum Alltag eines Hausierers – hat der Roman und das Bühnengeschehen immer bereits begonnen. Die lampenbewehrten Blicke dieses vereinzelten Detektiv/Kollektivs greifen einzelne Ereignisse aus dem bestehenden Geschehen heraus, akzentuieren sie – während die gleichsam un-ordentliche Gesamtmaschine unbeirrt weiterläuft.

Das musikalische Verfahren, das HAUSIEREN zu Grunde liegt, setzt konzeptuell bei der literarischen Form an. Es nimmt den Begriff „Vertonung“ wörtlich – und bürstet ihn so gegen den Strich. Hier werden nicht psychologische Entwicklungsbögen, moralisch verwertbare Konstellationen oder dramatisierbare Handlungsverläufe auf dem Weg über ein Libretto kompositorisch aufbereitet. Bei HAUSIEREN ist es die Struktur des Romans selbst, sein Text und Erscheinungsbild, die gleichsam als Partitur dienen. In dieser Übersetzung entsteht ein ebenso kleinteiliges wie virtuoses und Raum greifendes musikalisches Spektakel, das den (genre)analytischen Grundgedanken von Der Hausierer in einen Ereignisraum transportiert und eine deutliche Position für ein tatsächlich zeitgenössisches Musiktheater definiert.

Vier grundlegende Zugänge sind:

a) Der Text wird Satz für Satz in musikalische-gestische Aktionen umgesetzt. Diese Aktionen können gleichzeitig gespielt und nur durch eine Folge von Flashs visuell gereiht werden. Ein „Bühnenbild“ kann entstehen, indem hörbare Handlungen vollführt werden, die zu Konstellationen von Gegenständen führen oder zu Spuren auf/an Gegenständen (Indizien) geführt haben. Alle Aktionen sind lückenlos choreographiert und sehr schnell auszuführen.

b) Handkes Methode auf aktuelle Krimimusik angewendet: Das Allgemeine herausarbeiten, davon Kopien mit anderen Instrumenten oder per MIDI anderer Instrumentation herstellen, schneiden, isolieren, aus dem Kontext nehmen, montieren (unabhängig vom „Bühnengeschehen“).

c) aus dem Kapitel werden alle klingenden Ereignisse und Körperaktionen herausgeschrieben. Die Spieler vollführen alle diese Ereignisse an sich selbst, dies mit steigender Dichte (alles gewesene kehrt wieder) und Geschwindigkeit.

d) Kinder lesen ungeübt Texte ein. Das wird aufgenommen und übereinandergeschnitten, so dass sich die Sätze wie aus vielen Kinderstimmen wieder zusammensetzen.

Der weitgehend dunkle Theaterraum, wird von drei Figuren („unsterblichen Schauspieler“) bevölkert - einem Mann, einer Frau und einem Kind. Sie funktionieren wie ein Schlüssel zum Unsichtbaren: sie erforschen den Zusammenhang zwischen Sprache und Erinnerung, Gestus und musikalischen Bewegungen, Stimme und Szene, Opfer und Mörder. Im Raum wird das leuchtenbewehrte Publikum nonstop mit stimmlichen und instrumentalen Klängen und Geräuschen bombardiert: gleichsam wie eine Gehirnwäsche unserer mentalen Archive, die die jeweilige Innenwelt zum bedeutendsten „Tatort“ macht. Die urbane Außenwelt zeigt sich dabei weniger als symphonisch geordnetes denn als diversen in sich polyphonen Gruppen zusammengesetztes Gebilde.

Darüber hinaus, es muss betont werden, dass die kontinuierliche „Perforation“ des Gebiets (mit der Zuschauerlampen) wie ein entscheidende szenische und sehr bezeichnend Faktor in diesem 21. Jahrhundert operiert. Man zurückverfolgt bis der Ausgrabung unserer primären Höhle, die Hüterin der vergessenen Geheimnissen, die Heimat der Geschichten und Kriminalitäten, sie warten alle auf das Theater: die WikiLeaks der Menschheit.

Gleichzeitig produzieren wir eine Wiederentdeckung des Raums (und des Gedankes), bisher versteckt: die Zuschauerraum-Decke, die Kulissen, die Bühnenmaschinerie, die Oberbühne, die Unterbühne, die Drehbühne, die Versenkung, der Schnürboden, ohne Vorhänge, ohne Sofitten, ohne Schenkeln... ohne Nötigung. In dieser zeitlosen Leere, werden die drei Schauspieler ihre wesentliche Rolle ausüben: Raum und Zeit mit der Stimme durchqueren. Sie besetzen die mikroskopische Anatomie/Antinomie unseres ewigen Theaters.

Projektziele

In Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Regisseur Luiz Päetow und den Musiker/innen und Schauspieler/innen setzt KLANK seine jahrelange intensive Beschäftigung mit alltäglichen Spielmaterialien sowie musikalisch-räumlichen Konstellationen fort. In Auseinandersetzung mit dem nicht für das Theater geschriebenen Handke-Text wird eine zeitgenössische Position im und zum Musiktheater erforscht, definiert und realisiert: Im Zusammenspiel von etablierten Instrumenten einerseits und neuen Instrumenten andererseits, in der kollektiven Auseinandersetzung mit musikalischen Formen und kompositorischen und performativen Konzepten sowie im Zusammenspiel von Schauspiel und musikalischer Realisierung entsteht das klangliche Inventar für gegenwärtige Musik. Die Grenzen verschiedener Aktions- und Darstellungsformen auslotend und verwischend, wird dem Zuschauer eine Rolle zugewiesen, die sich nicht in genießender und interpretierender Betrachtung erschöpft.

Nicht zuletzt bedeutet die Kollaboration von brasilianischen und deutschen Künstler/innen auch den praktischen Austausch von musiktheatralischen Positionen, Erfahrungen und Verfahrensweisen. Die Ergebnisse dieses Austauschs in Deutschland wie in Brasilien zu präsentieren, bedeutet, den gemeinsamen Prozess inkl. der Frage nach dem je Eigenen und Fremden öffentlich sichtabr zu machen.

Luiz Päetow - Übersicht

Luiz Päetow ist ein brasilianischer Theaterregisseur, Schauspieler und Dramatiker, der die Grundlagen des Körpers, der Sprache und des Gedächtnisses erforscht. Immer auf der Suche nach einzigartige Ästhetiken, seine Inszenierungen sind wegen ihrer politischen Radikalität und künstlerischen Freiheit oft belohnt. Alle seine Werke haben eines gemeinsam, nämlich berühmte Dichter aufzuführen: Georg Büchner, Sarah Kane, Bertolt Brecht, Gertrude Stein, Peter Weiss, Samuel Beckett und Jean-Luc Lagarce.

1996 bis 2000 war er einer der Pfeiler im CPT (Zentrum der Theaterforschung), geleitet von Antunes Filho, der größte brasilianischer Regisseur seit der 70er Jahren. Dort erfand er den Kurs für Dramaturgie und auch das Projekt Prêt-à-Porter, belohnt mit dem Shell Theaterpreis, der wichtigste in Brasilien. Für dieses Projekt, hat er fünf Stücke geschrieben, inszeniert und gespielt: Die Passagiere, Unter der Brücke, Ohne Konzert, Stunden Strafe und Flügel aus Schatten. 1998 arbeitete er als Regieassistenz von Daniela Thomas für Die Möwe nach Tschechow, mit der Oscar-nominierte und Berlinale Silberner Bär Preisträgerin Fernanda Montenegro. 1999 nahm er teil am Japan Olympisches Theaterfestspiele und am Istanbul Internationale Theaterfestspiele mit dem Stück Die Trojanischen Fragmenten.

2000 inszenierte er seine erste Oper, Die Feenkönigin von Henry Purcell. Ab 2003 spielte er die Hauptrollen in Sarah Kanes 4.48 Psychose, Georg Büchners Leonce & Lena, Samuel Becketts Wörter & Musik und Cascando, usw. 2005 reiste er nach Berlin als Gastspiel in der Volksbühne, um die 4-Stücke-Marathon Krieg im Sertao von legendäre brasilianischer Regisseur Zé Celso vorzustellen. 2006 debütierte er seine Monolog Stücke, nach einer Lesung von Gertrude Stein. Seitdem er schrieb, spielte und inszenierte zwei neue Solostücke: Abracadabra und Ex-Maschinen. 2009 inszenierte er Music-Hall von Jean-Luc Lagarce, belohnt noch einmal mit dem Schell Theaterpreis. 2012 inszenierte er seine ersten Tanzstücke: Vorgänge und danach Neu erfundenes Gedächtnis.

Auszeichnungen

2011 São Paulo Hauptstadt Förderung für seine Tanzprojekte Vorgänge und Neu erfundene Gedächtnis

2011 Shell Theaterpreis nominiert für Abracadabra   als Schauspieler, Dramatiker und Regisseur

2010 Shell Theaterpreis-Träger für Music-Hall   als Lichtdesigner und Regisseur

2008 Shell Theaterpreis-Träger für Prêt-à-Porter 10 Jahren   als Schauspieler, Dramatiker, Regisseur und einer der Schöpfern des Projekts

2007 Teresina Theaterfestspiele Preisträger für Hinter den Gedanken   als Komponist und Regisseur

2006 Rio Preto Theaterfestspiele Preisträger für Stücke   als Schauspieler und Übersetzer

2000 Shell und APCA Theaterpreise-Träger für Die Trojanischen Fragmenten   als Regieassistenz

 

 

 

 



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